{"id":19542,"date":"2024-06-04T21:44:55","date_gmt":"2024-06-04T19:44:55","guid":{"rendered":"http:\/\/info-netz-musik.bplaced.net\/?p=19542"},"modified":"2024-06-06T09:40:35","modified_gmt":"2024-06-06T07:40:35","slug":"birger-petersen-glenn-gould-auf-der-suche-nach-perfektion-rudiger-albrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/info-netz-musik.de\/?p=19542","title":{"rendered":"Birger Petersen: Glenn Gould. Auf der Suche nach Perfektion [R\u00fcdiger Albrecht]"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/info-netz-musik.bplaced.net\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/2024-06-Petersen-Glenn-Gould.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-19553\" title=\"2024-06 Petersen - Glenn Gould\" src=\"http:\/\/info-netz-musik.bplaced.net\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/2024-06-Petersen-Glenn-Gould-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/info-netz-musik.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/2024-06-Petersen-Glenn-Gould-189x300.jpg 189w, https:\/\/info-netz-musik.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/2024-06-Petersen-Glenn-Gould.jpg 353w\" sizes=\"auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a>Birger Petersen: Glenn Gould. Auf der Suche nach Perfektion<\/strong> \u2013 M\u00fcnchen: edition text &amp; kritik, 2024. \u2013 145 S.: s\/w Abb. (SOLO. Portr\u00e4ts und Profile)<br \/>\nISBN 978-3-96707-825-1 : \u20ac 19,00 (kart; auch als eBook)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Glenn Goulds Deb\u00fct auf dem Schallplattenmarkt im Januar 1956 l\u00f6ste ein Erdbeben in der Musikwelt aus, bis heute unvergessen. Selbstbewusst und ohne falsche Scheu pr\u00e4sentierte da ein 23j\u00e4hriger Pianist aus Toronto Johann Sebastian Bachs scheinbar so spr\u00f6des Alterswerk, die seinerzeit nur selten gespielten <em>Goldberg-Variationen<\/em>. Er nahm dem Werk das Weihevolle <!--more-->und lie\u00df die 30 Variationen stattdessen auf der Klaviatur tanzen und in die Geh\u00f6rg\u00e4nge einbrennen, jede Neueinspielung wird noch immer an diesem Markstein gemessen. Alles an diesem Eclat stimmte \u2013 und war bis auf den Punkt genau geplant: ein junger, gutaussehender und charismatischer Pianist, der, wie die Coverfotos es beweisen sollten, die Musik lebte, nicht nur mit ihr lebte. Der zum Klavierspiel sang und brummte, dank seines sehr speziellen Klavierhockers in das Klavier hineinzukriechen schien, und der quasi ex nihilo auf der Bildfl\u00e4che erschienen war \u2013 der erste Popstar der Klassik war geboren. Auch schon mehr als 100 Jahre zuvor hatten Franz Liszt und Niccol\u00f2 Paganini ihr Publikum mit den gewagtesten Kunstst\u00fccken auf ihren Instrumenten verzaubert, beide gekleidet und im Habitus wie Rockstars; heute muss fast jede junge Geigerin, jeder junge Pianist Starqualit\u00e4ten aufweisen, um \u00fcberhaupt geh\u00f6rt zu werden. Doch alles am jungen Gould war authentisch, in einem Ma\u00dfe, dass (zumindest f\u00fcr ein breiteres, nichtspezialisiertes Publikum) das Bild des Nachsch\u00f6pfenden und der Werktitel alliterativ ineinander verschmolzen, Glenn Gould mithin zum Sch\u00f6pfer der \u201eGouldberg-Variationen\u201c wurde. (F\u00fcr die popul\u00e4re Musik ein grundlegendes Prinzip: der Name des Urhebers verschwindet hinter der Aura des Performers, der Auff\u00fchrende wird zum Sch\u00f6pfer).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Birger Petersen, Professor an der Johannes-Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz, beginnt sein Buch denn auch mit diesem fulminanten Deb\u00fct. Seine konzentrierte und fl\u00fcssig geschriebene Studie nimmt Glenn Goulds Tonaufnahmen in den Fokus. Denn zum einen ist im Falle des kanadischen Pianisten der Blick auf Leben und Pers\u00f6nlichkeit, wie Petersen den Gould-Biografen Geoffrey Payzant im Vorwort durchaus ironisch sagen l\u00e4sst, ein eher wenig aussichtsreiches Unterfangen, Goulds Leben sei f\u00fcr eine klassische Biografie einfach zu langweilig. Und schlie\u00dflich steht man als Gould-Autor vor einer enormen F\u00fclle an Sekund\u00e4rliteratur. Petersen entschied sich daf\u00fcr, die enigmatische Pers\u00f6nlichkeit Glenn Goulds nicht in den Vordergrund seiner Betrachtungen zu stellen, vielmehr entwickelte er eine Biografie aus der Verkn\u00fcpfung markanter Schallplatteneinspielungen, gewichtiger biografischer Stationen sowie dem literarischen und radiophonen Schaffen. In neun Kapiteln steht zun\u00e4chst eine Schallplattenver\u00f6ffentlichung im Mittelpunkt, anschlie\u00dfend ein aus der Biografie entwickeltes Thema, wie beispielsweise Goulds Verh\u00e4ltnis zu seinem einzigen Lehrer. Das Buch beginnt nicht nur mit der 1955er Einspielung von Bachs <em>Goldberg-Variationen<\/em>, es endet, vor einem Exkurs zur literarischen Verarbeitung der Person Goulds in Thomas Bernhards Roman <em>Der Untergeher<\/em>, mit dem 1981er Remake desselben Werks. Die sechs Kapitel zwischen der Goldberg-Klammer sind indes gerade nicht Goulds bekanntesten Einspielungen wie Bachs <em>Wohltemperiertem Klavier<\/em>, Beethovens, Mozarts oder Haydns Klaviersonaten gewidmet; der Autor greift stattdessen eher weniger bekannte Marksteine aus Goulds Diskografie heraus, z.B. Brahms Intermezzi, die Plattenkassette mit Sch\u00f6nbergs Klaviermusik, eine Schallplatte mit Musik von William Byrd und Orlando Gibbons, die Gould ganz entgegen dem Zeitgeist auf einem Konzertfl\u00fcgel spielt sowie Transkriptionen Wagnerscher Werke. Petersen zeigt nicht nur auf, wie Gould mit den jeweiligen Werken verf\u00e4hrt, sondern auch, was Gould an dem jeweiligen Repertoire fasziniert \u2013 oder abgesto\u00dfen hat. Die Werke f\u00fcr Tasteninstrumente des elisabethanischen Zeitalters der erw\u00e4hnten englischen Komponisten etwa bezeichnet Gould als \u201edie gro\u00dfartigste Musik, die man auf dem Klavier spielen kann, diejenige, die im 16. Jahrhundert f\u00fcr das Virginal komponiert wurde.\u201c (S. 81). Zugleich belegt diese Einspielung Goulds totales Desinteresse \u2013 zumindest in diesem Fall \u2013 an authentischer historischer Musizierpraxis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seinem Publikum scheint Gould wenig Beachtung geschenkt zu haben, des Musikers Gebaren auf der B\u00fchne \u2013 eine Sch\u00fcssel mit warmem Wasser f\u00fcr das Aufw\u00e4rmen der Finger, ein auff\u00e4llig niedriger Klavierhocker \u2013 lie\u00dfen es die ihm zugedachte Statistenrolle deutlich sp\u00fcren. Warum und wie Gould das Interesse an \u00f6ffentlichen Konzerten verlor und 1964 beschloss, nicht mehr aufzutreten, sondern seine musikalische Arbeit nur noch einem anonymen, quasi unsichtbarem Publikum in Form von Schallplattenver\u00f6ffentlichungen zu pr\u00e4sentieren, wird von Petersen plausibel nachgezeichnet. In jenen Jahren widmet sich Gould verst\u00e4rkt journalistischen Aufgaben, hier verbirgt er sich mit viel Witz hinter den unterschiedlichsten Masken \u2013 ein Spiel mit Identit\u00e4ten. Gould erschafft Kunstfiguren und schl\u00fcpft in Rollen, die gelegentlich sogar in einen Dialog mit dem Autor-Ich treten k\u00f6nnen. Das Spiel mit dem Unbestimmbaren, nicht Greifbaren gilt in gewisser Weise auch f\u00fcr sein eigentliches kompositorisches Werk, f\u00fcr die H\u00f6rspiele, in deren Entstehungsprozess musikalische Prinzipien eingeflossen sind, wie es Petersen im f\u00fcnften Kapitel <em>The Idea of North<\/em> darlegt. F\u00fcr Produktion und Verbreitung ben\u00f6tigen die H\u00f6rspiele und Fernsehproduktionen die technischen Medien, denen sich Gould nun, nachdem er nicht mehr \u00f6ffentlich auftritt, ausschlie\u00dflich anvertraut; die Schnitttechnik an den Musikb\u00e4ndern findet ein \u00c4quivalent in der Produktionstechnik der H\u00f6r- und TV-Produktionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Anhang des spannend zu lesenden Buches enth\u00e4lt eine Auswahldiskografie, ein Literaturverzeichnis, eine Zeittafel sowie ein Personenregister. Birger Petersen ist hier ein wunderbares Portrait des Exzentrikers Gould gelungen, welches der Komplexit\u00e4t der Pers\u00f6nlichkeit und der Vielschichtigkeit des musikalischen Werks gerecht wird und Lust macht, die behandelten Einspielungen neu zu h\u00f6ren und neu zu entdecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">R\u00fcdiger Albrecht<br \/>\nBerlin, 27.04.2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Birger Petersen: Glenn Gould. 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