Schlagwort: Musiktheater

  • Eloain Lovis Hübner: Die Welt s̶t̶r̶u̶k̶t̶u̶r̶i̶e̶r̶e̶n̶ queeren [?] Über kompositorisches Denken in mehr-als-musikalischen Kontexten [Filip Bayer-Čech]

    Eloain Lovis Hübner: Die Welt strukturieren queeren [?] Über kompositorisches Denken in mehr-als-musikalischen Kontexten. / Structuring Queering [?] the World. – Berlin: Wolke, 2026. – 208 S. (Synkopen 1)
    ISBN 978-3-95593-901-4 : € 16,00 (Pb.) dt. u. engl.

    Mit dem vorliegenden Band eröffnet Eloain Lovis Hübner (*1993) die neue Synkopen-Reihe des Wolke-Verlags, die von Nicolas Donin, Steven Tagasuki und Magdalena Zorn herausgegeben wird. Diese editorische Setzung ist programmatisch insofern der Band als Ausgangspunkt einer Publikationspraxis fungiert, die sich dezidiert jenseits binärer Ordnungssysteme positioniert und mit erschwinglichen Büchern an eine breite Leser:innenschaft richtet. Dass bereits im Titel das ursprüngliche Verbum „strukturieren“ durch „queeren“ ersetzt wird, erhebt den Anspruch, etablierte Denkmuster nicht schlichtweg fortzuführen, sondern sie in ihrer normativen Setzung zu irritieren, wenngleich nicht definitiv, sondern als Potenzial.

    In der deutsch-englischen Paralleltext-Ausgabe entwirft Hübner eine Theorie kompositorischen Denkens, die sich ausdrücklich nicht auf musikimmanente Prozesse beschränkt. Kompositorisches Denken wird als „strukturierendes und formgebendes Denken“ (S. 156) gefasst, dessen Reichweite bewusst offengehalten wird. Es handelt sich um eine interdisziplinäre Praxis, die künstlerische, soziale und ontologische Perspektiven miteinander verschränkt. Der Essay ist in biografische Stationen und Ereignisse unterteilt, in denen Hübner seit deren Kindesalter auf persönliche Lernmomente, Konzerterfahrungen und Reiseberichte zurückgreift.

    Bereits im Vorwort wird eine Rekursivität betont: Kompositorisches Denken schöpft aus der Umwelt, ist mit ihr verwoben und wirkt auf sie zurück – als soziale Praxis. Entsprechend arbeitet Hübner dabei – in thematischer Hinsicht besonders passend – mit vielen Komposita: kompositorisches Denken in „mehr-als-musikalischen-Kontexten“, als Praxis des „In-der-Welt-Seins“ und des „Sich-in-der-Welt-Verortens“.

    Als wiederkehrendes Referenzobjekt dient die Notenschrift, deren Verständnis als „Tabula rasa“ Hübner zurecht kritisiert – sie würde bestimmte Parameter priorisieren. In Hübners Jugendalter entwickelt sich dieses Verständnis hin zur Notation als codifizierter Entsprechung, (S. 36) innerhalb derer kompositorische Praxis als Form des Selbstverstehens sowie der Selbstbehauptung und Abgrenzung verhandelt wird. Während des Studiums folgt jedoch die Ernüchterung, dass die Vertonung des Geschriebenen, „nicht die Erfahrungstiefe bot, die in ihm zu codifizieren versucht wurde.“ (S. 44). In der Umgebung eines durch Konservatismus durchzogenen Kompositionsstudiums, findet Hübner ein Effugium im Musiktheater, das mit seinen theatralen Möglichkeiten als Gegenpol zur als einengend empfundenen Notenschrift fungiert.

    Einen ersten markanten Wendepunkt bildet das Musiktheaterprojekt  The Navidson Records, in dem Hübner im Rahmen der Münchener Biennale selbst mitwirkte. Hier verdichten sich viele der zuvor angeführten Aspekte exemplarisch. Im Zentrum steht der Raum als fluider Protagonist, in dem Körper kontinuierlich neue Beziehungen zu sich selbst und zur Umgebung eingehen. Zum kompositorischen und improvisatorischen Material gelten „Klänge, Raumkonstellationen, Bewegungschoreographien, Gegenstände, Texte, Atmosphären, Körper, Video, Licht, Nebel, Begegnungen, wissenschaftliche und vieles mehr,“ (S. 60) deren Struktur- und Formbildung durch Entscheidungen menschlicher Akteur:innen bestimmt wird.

    Die bis dahin mitschwingenden Fragen, finden ihre Antworten in der zweiten Hälfte des Buches, den beiden Kapiteln des Zeitraumes von 2023 bis 2025, in ‚reingezoomter‘ und ‚rausgezoomter‘ Perspektive. Ausgehend von einer Bemerkung eines Kompositionsprofessors erkennt Hübner den Kontrapunkt als zentrales strukturierendes Prinzip deren kompositorischen Denkens, das im Essay an mehreren Stellen implizit als stark protestantisch geprägt durchscheint. Von diesem Moment an beginnt Hübner, den Kontrapunkt „subtil [zu] hacken“ (S. 104) beziehungsweise am Beispiel von The Navidson Records Unmengen von Sand in dessen Getriebe zu schütten.

    In diesem Zusammenhang werden weitere mehr-als-musikalische Praxen einbezogen, etwa die Probensituation als co-kreativer Aushandlungsprozess im Sinne einer ‚création collective.‘ Hübner verweist jedoch auch auf das „freundliche Potenzial der Partitur“ (S. 112) und plädiert, unter Rückgriff auf Hans Werner Henzes Verständnis einer Komponist:in als „uomo sociale,“ für eine „transdisziplinär informierte Kompositionspraxis,“ (S. 116) die implizit an den social turn anschließt. Daran anknüpfend wird kompositorisches Denken aufgegriffen und um theatrales Denken erweitert. Dieses Denken wird in eigener Praxis exzessiv auf Instrumente, Werkzeuge, Räume, Körper, Methoden, Geräte und Mittel angewandt. Besonders anschaulich wird dies an der Zweckentfremdung des Instruments am Beispiel der Geige: Hierbei beschreibt Hübner amüsant die Zweckentfremdung von der „auratisch aufgeladenen *Geige*“ hin zum „Holzkasten mit Stiel, vier Drähten und bestimmten akustischen Eigenschaften“ (S. 132). Diese „affirmative Distanzlosigkeit“ gegenüber dem Instrument wird sowohl klanglich als auch technisch als Form des „Queerings“ oder „Hackings“ verstanden – als radikale Umkehrung der Vorzeichen und Maßstäbe. Diese Position stärkt Hübner mit deren Positionierung innerhalb eines Kanons der Neuen Musik: „Komponieren heißt: ein Instrument bauen. (Lachenmann) klauen. (Kreidler) queeren. (Hübner)“ (S. 140)

    Theoretisch wird der Essay durch Zitate und Textfragmente von u. a. Sarah Ahmed, Şeyda Kurt, Hanns Eisler und J. Jack Halberstam passend angereichert. Auffällig ist, dass auch diese Referenzen die Wandelbarkeit von Hübners kompositorischem Denken widerspiegeln. Als Leser:innen erhalten wir so einen Einblick in einen mehrjährigen künstlerischen Prozess, dessen Vorläufigkeit dey explizit betont.

    Eloain Lovis Hübner zeigt in Die Welt strukturieren queeren [?] viele instruktive Aspekte auf, die weitere Fragen aufwerfen. Das Konzept deren kompositorischen Denkens wird mehrfach neu be- und umschrieben, was zum Ende hin in Wiederholung mündet. Hier stellt sich die Frage, ob die große terminologische Offenheit nicht auch eine gewisse Unschärfe produziert. Auch das, durch den wiederkehrenden Bezug auf (Johann Sebastian) Bach, so stark abfärbende kontrapunktische Denken hätte insbesondere in seiner Bedingtheit von Kompositorischem und Kontrapunktischem weiter ausgeführt werden dürfen.

    Eine große Stärke ist Hübners geglückte Gratwanderung zwischen Essay und Autobiografie. Trotz der Nähe zu biografischen Ereignissen, die bei einer künstlerischen Position unumgänglich ist, vermeidet dey konsequent in selbstreferienzelle Werkanalyse abzugleiten. Zudem ermutigt deren Offenheit gegenüber Momenten des Scheiterns, des Zweifels und eines Trotzgefühls, im Zuge dessen auch strukturelle Probleme wie Machtmissbrauch und Leistungsdruck im Kompositionsstudium sowie in der Musik- und Theaterbranche thematisiert werden. Gerade diese Transparenz verleiht dem Essay eine notwendige politische Dringlichkeit.

    Filip Bayer-Čech
    Berlin, 30. Mai 2026

  • Reinhard Strohm: Oper in Bewegung. Europäisches Musiktheater vom Barock zur Romantik [Bernhard Wallerius]

    Reinhard Strohm: Oper in Bewegung. Europäisches Musiktheater vom Barock zur Romantik. Neuausg. – Kassel u. Berlin: Bärenreiter u. J.B. Metzler, 2025. – 319 S.: s/w u.farb. Abb., Notenbsp.
    ISBN 978-3-7618-2676-8 (Bärenreiter) u. 978–3-662-71347-1 (Metzler): € 49,99 (geb.; auch als eBook)

    Wer hinter dem Titel eine Erörterung dessen wie sich Oper in der Gegenwart bewegt erwartet, wird beim Weiterlesen in das genaue Gegenteil hineingeführt. Strohms in Fachkreisen anerkannte Publikationen beschäftigen sich mit Musik für die Bühne vom Mittelalter bis zu Vivaldi und Händel, und so geht es auch in diesem Buch meist um die Anfänge der Gattung. Die 27 Stücke des Textes hängen nur lose zusammen, wenige nur sind für dieses Buch geschrieben, viele stammen aus verstreuten Publikationen, vor allem aus Programmheften für das Theater an der Wien. So ist das Buch nicht unbedingt zum durchgängigen Lesen bestimmt, es ist eher ein Lesebuch für Opernenthusiasten zum darin herumblättern. Man findet Werkeinführungen zu Opern von Monteverdi bis Donizetti (s.u. bei ‚Schlagworte‘). Dabei setzt er sich auch für den völlig vergessenen Peter von Winter ein, dessen zuletzt 1917 aufgeführte Oper ‚Das unterbrochene Opferfest‘ er ausgiebig bespricht.

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  • Oswald Panagl: Von Fidelio zu Parsifal. Spielarten und Stationen des Musiktheaters im 19. Jh. [Andreas Vollberg]

    Oswald Panagl: Von Fidelio zu Parsifal. Spielarten und Stationen des Musiktheaters im 19. Jahrhundert. – Wien: Hollitzer, 2024. – 367 S.: Farb-Abb.
    ISBN 978-3-99094-020-4 : € 45,00 (geb.; auch als eBook)

    Wenn eine Neuerscheinung laut Titel etappenweise die Operngeschichte von Fidelio zu Parsifal zu referieren scheint, könnte man vorschnell urteilen: einmal mehr dasselbe in Grün?! Aufmerken müssen Literaturkundigere dagegen (mehr …)

  • VOICES. Prägende Musik- und Theatererlebnisse [Barbara Schmidt]

    VOICES. Prägende Musik- und Theatererlebnisse / Hrsg. von Christine Cerletti und Thomas Voigt, mit einem Vorw. von Elke Heidenreich, mit Beitr. von Thomas Voigt und Jürgen Kesting u. a. – Wien: Verlag für moderne Kunst, 2022. – 336 S.: 440 Farb- u. s/w-Fotos.
    ISBN 978-3-903439-44-3 : € 49,00 (geb.)

    Wer beim Titel VOICES an berühmte SängerInnen denkt, liegt nur teilweise richtig. Auch Regisseure, Manager, Pianisten, Dirigenten sind Teil der Veröffentlichung. (mehr …)

  • Hans-Klaus Jungheinrich: Eine kurze Geschichte der Oper. In 35 Bildern [Andreas Vollberg]

    Hans-Klaus Jungheinrich: Eine kurze Geschichte der Oper. In 35 Bildern / Mit einem Nachwort von Wolfgang Molkow. 2., erw. Ausg. – Hofheim am Taunus: wolke, 2021. – 292 S.
    ISBN 978-3-95593-254-1: € 26,00 (brosch.)

    Einen schmerzlichen Verlust an der Spitze der deutschen Musikkritik und –essayistik bedeutete 2018 der plötzliche Tod des legendären Hans-Klaus Jungheinrich, Jahrgang 1938. Von 1968 bis 2003 brillierte der zuvor in Dirigieren und Komposition ausgebildete Musikenthusiast im Feuilleton (mehr …)

  • Georg Quander: Opernland Nordrhein-Westfalen [Andreas Vollberg]

    Quander, Georg: Opernland Nordrhein-Westfalen / Hrsg. von der Freien Volksbühne Köln e.V. – Köln: Wienand, 2018. – 502 S.: zahlr. Farb- und s/w-Abb.
    ISBN 978-3-86832-461-7 : € 36,00 (geb.)

    Deutschlands bevölkerungsreichstes Flächenland hält neben dem demographischen Rekord auch einen kulturellen: Mit 13 Opernhäusern bzw. 15 Spielstätten ist Nordrhein-Westfalen das wohl konzentrierteste Opernareal weltweit. Ergibt sich hieraus zugleich eine spezielle, NRW-typische Chronik (mehr …)

  • Komponieren für Stimme. Von Monteverdi bis Rihm [Kadja Grönke]

    Komponieren für Stimme. Von Monteverdi bis Rihm. Ein Handbuch / Hrsg. von Stephan Mösch. – Kassel [u. a.]: Bärenreiter, 2017. – 389 S.: s/w-Abb., Notenbeisp.
    ISBN 978-3-7618-2379-8 : € 39,95 (geb.)

    Erwachsen aus einer zweisemestrigen Ringvorlesung, die die Hochschule für Musik Karlsruhe 2014/15 in Kooperation mit dem Badischen Staatstheater und dem Richard-Wagner-Verband Karlsruhe abgehalten hat, kreist der vorliegende Sammelband um die Frage, wie das Komponieren für Stimme (mehr …)

  • Till Haberfeld und Oswald Georg Bauer: Wieland Wagner – Revolutionär und Visionär des Musiktheaters [Christoph Zimmermann]

    Haberfeld, Till und Oswald Georg Bauer: Wieland Wagner – Revolutionär und Visionär des Musiktheaters – Berlin, Deutscher Kunstverlag 2017 – 311 S., 121 s/w u. 100 farb. Abb.
    ISBN 978-3-422-07412-5 : € 68,00 (geb.)

    Vor 100 Jahren wurde Wieland Wagner geboren, ein Regisseur, der aus Bayreuth wieder eine würdige Festspielstadt machte. Zur Erinnerung ist jetzt ein bildgesättigtes Buch erschienen, (mehr …)