Hokuspokus Hexenschuss. Festschrift Engelbert Humperdinck zum 170. Geburtstag [Andreas Vollberg]

Hokuspokus Hexenschuss. Festschrift Engelbert Humperdinck zum 170. Geburtstag / Hrsg. von Philipp Haug und Christian Ubber. – Petersberg: Imhof, 2025. – 199 S.: zahlr. farb. Abb., Notenbsp. (Siegburger Humperdinck-Studien ; 3)
ISBN 978-3-7319-1496-9 : € 24,95 (brosch.)

Geburtsstädte bedeutender Komponisten avancieren nicht zwangsläufig auch zu Epizentren ihrer Erforschung und Nachlassarchivierung. Geschafft hat dies dagegen die rheinische, mit gut 43.000 Einwohnern mittelgroße Stadt Siegburg. Denn vor ihrem prominentesten Sohn Engelbert Humperdinck (1854–1921) verneigt sie sich mit gelungenen Ausstellungsaktivitäten und einem bemerkenswerten publizistischen Output, der den populären Märchenvertoner von Hänsel und Gretel in seiner wahren Vielfalt neu zu erfassen und zu bewerten sucht – kompositorisch, biographisch, soziopsychologisch, auch ideologiekritisch.

Das Stadtmuseum, seinerzeit Schulbau und Humperdincks Geburtshaus, etwa eröffnete zum 100. Todestag zusammen mit der Musikwerkstatt Engelbert Humperdinck die hauseigene Reihe Hokuspokus Hexenschuss. Näherte sich Band 1, zugleich Begleitbuch der Jubiläumsausstellung, mit regionaler Unterstützung Leben, Werk und Persönlichkeit und beleuchtete Band 2 anhand bislang unerschlossener Quellen überraschende Aspekte wie die biographischen Einflüsse auf künstlerische Prozesse, so nobilitiert Band 3 jetzt die Gesamtreihe rückwirkend durch den neuen Untertitel Siegburger Humperdinck-Studien. Konkrete Anlässe für den Anschlussband gibt es reichlich: den 170. Geburtstag, der nach einer Festschrift rief, sodann die 2023 erfolgte Eröffnung der Humperdinck-Dauerausstellung, deren Themen es auch publizistisch umzusetzen galt. Als realisiert erkennt man im Resultat auch die laut Vorwort mit der Neuausrichtung verbundene Intention, „sich noch mehr mit den Menschen rund um den Komponisten zu beschäftigen“ (S. 8).

Und so sind es zunächst zwei mit den entsprechenden Ausstellungsschwerpunkten korrespondierende Personengruppen, denen eigene Hauptkapitel gewidmet sind: die Librettistinnen und ein Librettist der Opernwerke, dann drei prominente Schüler, gefolgt von den Werdegängen zweier nicht anthropomorpher Weggefährten, nämlich Klavieren, worauf als Sonderthemen eine Schauspielmusik mit Filmverwendung und die Beziehung des Sohnes Wolfram zum NS-Widerständler Carl Goerdeler unterm quellenkritischen Brennglas frappierende Erkenntnisse eröffnen. Gemeinsam ist allen Beiträgen – auch den auf Privates konzentrierten – eine detailgenaue, fußnotenbewehrte Auswertung von Quellen, Dokumenten und Sekundärliteratur. Analog lebt das Informationspotential der großzügigen Bebilderung neben Porträts und Ortsfotos zu mindestens gleichen Teilen von Reproduktionen charakteristischer hand- und maschinenschriftlicher Korrespondenzen oder zeitgenössischer Druckmaterialien
Dass Humperdincks Schwester Adelheid Wette die Phalanx der Operntextenden eröffnet, verlangt allein ihre geläufige Prominenz durch das Hänsel-Libretto. Doch namentlich ihr Enkel, der renommierte Historiker Wolfram Wette, beschreibt stichhaltig, inwieweit der Weg der Dichtung vom häuslichen Kindersingspiel zur durchkomponierten Märchenoper zunächst ein familiäres Gemeinschaftsprojekt war. So sensibel und publikumswirksam Adelheid die bedrohlichen Elemente der Märchenvorlage zu humanerer Aussage entschärfte, umso weniger erfüllte sich ihre Hoffnung auf größeren monetären Ertrag. Geradezu beklemmend und ungeschönt belegt als nächstes Co-Herausgeber Christian Ubber, mit welchen publizistischen Manipulationen, unwahren Behauptungen (angebliches Zerwürfnis trotz Freundschaft) und Winkelzügen es Sohn Wolfram als überzeugter Nationalsozialist verstand, das Verdienst der Librettistin Elsa Bernstein am Erfolg von Engelberts Königskindern wegen ihres jüdischen Hintergrundes bis nach 1945 zu marginalisieren und billigend ihren Urheberrechtsverlust in Kauf zu nehmen. In eine enge interfamiliäre Freundschaft zielt Co-Herausgeber Philipp Haug mit der Wahlverwandtschaft zwischen Humperdincks und Familie Ebeling während der Berliner Zeit. Nach dem Umzug von Boppard erfolgte zunächst der Einzug in die Villa Ebeling. Engelbert führte sein Hauptkonto bei der Bank des Familienoberhaupts Emil, und mit Dank für Gastfreundschaft und Wohngelegenheit vertonte er endlich nach Drängen von Ebeling-Tochter Elisabeth deren an übermäßigem Bühnenaufwand leidendes Dornröschen-Libretto.


In ihrer Eigenschaft als Librettistin der Heirat wider Willen ist auch Ehefrau Hedwig, geb. Taxer, Gegenstand einer Retrospektive, und zwar einer unmittelbar innerfamiliären: Der Insektenkundler Bernhart Ohnesorge, Jahrgang 1923, kannte als Sohn der Humperdinck-Tochter Irmgart die 1916 verstorbene Großmutter nicht mehr selbst, kann aber auf Erinnerungen von deren Schwester sowie Briefe zurückgreifen, um die Umstände von Hedwigs Tod und das Befinden des verwitweten Großvaters nachzuzeichnen. Eine wenig rühmliche Rolle wird Robert Misch, Humperdincks einzigem männlichem Librettisten, durch Claudius Hille attestiert. Verlief die Zusammenarbeit bei der Studentenoper Gaudeamus nachweislich spannungsreich, habe Robert Misch die Situation im Nachgang unehrlich beschönigt, die „Betonung des ideell Deutschen“ (S. 73) forciert und damit strategisch „versucht, auch die eigenen Arbeiten und Leistungen zu überhöhen.“ (S. 65)


Wie aus einem demutsvoll-bescheidenen Kompositionsschüler schließlich ein enger und ebenbürtiger Freund sowie prominenter Dirigent und (aktuell verdient wiederentdeckter) Komponistenkollege wurde, schlüsselt Jutta Lambrecht anhand einer in der Humperdinck-Forschung noch wenig beachteten Personalie auf: Leo Blech, aus dessen Feder die Frankfurter Universitätsbibliothek rund 200 Briefsendungen an Humperdinck aufbewahrt. Diese beginnen in den Zeiten des jungen Aachener Kapellmeisters, der nach eigenem Urteil kompositorisch „alles“ lernen will – „denn ich kann nichts“ (S. 90) – und den verehrten Meister um Unterweisung bittet, und finden Anschluss in Siegburger Beständen, die aus der Folgezeit seiner Remigration nach Berlin 1949 den fortgesetzten Einsatz für Werk und Würdigung des Lehrers widerspiegeln. Eine mutmaßlich fiktive Anekdote um die Aufnahmeprüfung des gleichwohl persönlich verbundenen Schülers Friedrich Hollaender, der in Film, Kabarett und Chanson diametral andere Wege ging und mit Sicherheit an Humperdincks Beisetzung auf dem protestantischen Areal des Friedhofs Stahnsdorf teilnahm, führt Matthias Henke zu einer kritischen Bewertung von Humperdincks Übertritt aus der katholischen zur evangelischen Kirche. War dieser doch weniger einer religiösen Überzeugung als der manischen Verehrung Kaiser Wilhelms II. geschuldet. Welcher Wahrheitsgehalt jener Behauptung von Robert Stolz zukommt, laut der er Grundlegendes dem Unterricht bei Humperdinck verdanke, sondiert wiederum Christian Ubber auf „Spurensuche“ (S. 113) durch einen Wald voller Fragezeichen und Kuriosa.


Humperdincks Briefwechsel mit dem Schott-Verlagsleiter Ludwig Strecker über einen bei diesem deponierten Bechstein-Flügel, den der Essener Industrielle Krupp dem Komponisten dankbar vermacht hatte, rekapituliert Maximilian von Koskull. Ergebnis: Statt das platzaufwendige Instrument an Strecker veräußern zu können, freute er sich nachher über den weiteren Besitz, der bei der Arbeit an Hänsel und Gretel hilfreich wurde. Eine informative Lektion zum Klavierbau ab 1800 und zur Firmengeschichte des Koblenzer Unternehmens Carl Mand liefert Jared Rothe, um die spezifischen Merkmale des gegenüber Bechsteins Fabrikat dezenteren Mand-Olbrich-Flügels aus Humperdincks Inventar kundig zu erörtern. Zu einem überraschenden Exkurs gelangt auch Christian Ubber, wenn er nach der Musik zu Karl Vollmoellers pantomimischem Mysterium Das Mirakel von 1911, beruhend auf einer mittelalterlichen Marienlegende, dessen sofortige Verfilmung thematisiert. Der Erfolg der Bühnenfassung aber verdankte sich wesentlich der Inszenierung Max Reinhardts. Ein Bühnenakteur war hier der Filmpionier Friedrich Wilhelm Murnau, dessen Reinhardt-Stilistika Ubber transferiert in den Thrillern seines Schülers Alfred Hitchcock wiederfindet. Ein Novum nicht nur in der Biographik zu Wolfram Humperdinck gelingt Ubber mit seiner Studie über dessen Beziehung zu Carl Goerdeler. Denn via Briefwechsel und Referenzen in Wolframs Tagebüchern werden auch einige faktische und psychologische Facetten des großen NS-Widerstandskämpfers konkret: Als Goerdeler im Amt des Oberbürgermeisters den Königsberger Spielleiter Hans Schüler zum Intendanten nach Leipzig berief, brachte dieser seinen Stellvertreter Humperdinck gleich mit. Anhand zahlreicher Notate und Protokolle vor allem Wolframs diagnostiziert Ubber subtil die innere Entwicklung Goerdelers zum zentralen Kopf des zivilen und militärischen Widerstandes.
Wie viel Brisantes die Siegburger Humperdinck-Studien fortan zutage fördern, hoffen wir Bänden 4 ff. zu entnehmen.

Andreas Vollberg
Köln, 06.04.2026