
Stefan Hentz: Miles Davis. Sound eines Lebens. – Ditzingen: Reclam, 2026. – 383 S.: 35 s/w. Abb.
ISBN 978-3-15-011453-7: € 32,00 (geb; auch als eBook)
So nachhaltig wie der Trompeter Miles Davis hat kaum ein anderer Musiker die Entwicklung des Jazz und den Klang des 20. Jahrhunderts geprägt. Sein Ton war unverwechselbar, schwerelos schlank und schnörkellos, seine Silhouette eine Ikone – eine Ausnahmeerscheinung, deren Wirkung bis heute nachhallt.
Am 26. Mai dieses Jahres würde er 100 Jahre alt, was eine Würdigung nahelegt. Der Hamburger Musikwissenschaftler und Journalist Stefan Hentz entfaltet in seiner kenntnisreichen Biografie ein differenziertes, vielschichtiges Porträt des Künstlers, der sich konsequent jedem Schubladendenken entzog. Faktenreich, lebhaft und essayistisch locker zeichnet Hentz dessen Weg von den frühen Jazzclubs bis zu seinen späten, experimentellen Phasen als Schlüsselfigur des Jazz nach. Es ist die intensive Lebensreise eines Rastlosen, eines Virtuosen der Verwandlung, der sich mehrfach neu erfand und immer ein radikal Suchender blieb – „eine geheimnisvolle, mythenumwitterte Gestalt“ (S. 11), wie der Autor in einer Art Einleitung anmerkt.
Hier skizziert Hentz in groben Zügen die Bedeutung des Musikers, ehe er in chronologischer Abfolge dessen Lebensstationen passieren lässt. Viel Raum nehmen frühe musikalische Wegbegleiter wie Gil Evans (1912–1988), Charlie Parker (1920–1955), Thelonious Monk (1917–1982) oder Dizzy Gillespie (1917–1993) ein; hinzu kommen die wechselnden Bands, Tourneen, Plattenlabel, die Erfolge, kreativen Umwege, Rückschläge und die Drogensucht des von Selbstzweifeln, Ruhm und rassistischer Diskriminierung getriebenen Künstlers. Geschickt ordnet Hentz die Lebensphasen in historische und gesellschaftliche Kontexte ein und verknüpft sie mit musikalischen Analysen, mit Davis‘ verschiedenen stilistischen Metamorphosen oder spieltechnischen Aspekten.
Um dem kreativen, ruhelosen Künstler, der permanent auf der Suche nach Innovation war, näherzukommen, eignen sich seine Anfangsjahre als Musiker vielleicht am besten. Hentz beschreibt den Sohn eines wohlhabenden Zahnarztes aus East St. Louis als schüchternen, immens wissbegierigen und ehrgeizigen jungen Mann. Während er zunächst tagsüber an der renommierten New Yorker Juilliard School of Music studiert, streift er nachts durch die Jazzclubs, hört zu und schreibt alles auf, was er identifizieren kann, notfalls auf Streichholzbriefchen. „Die Clubs wurden letztlich zu Miles‘ Hörsaal“ (S. 130). Immer dabei war seine Trompete – in der Hoffnung, auf die Bühne gerufen zu werden und spielen zu dürfen. Der unermüdliche Einsatz und sein unstillbarer Wissensdurst zahlen sich aus:
Mit 21 Jahren leitet er bereits die Band des legendären Altsaxophonisten Charlie Parker und ist in der Bebop-Szene eine feste Größe.
Vom intensiven, virtuos-hitzigen Bebop zum transparenten, unaufgeregten Cool Jazz, von modalen Improvisationen zur Fusion- und Jazzrockbewegung und dem späten elektrifizierten Sound: Über Jahrzehnte vollzieht Miles Davis stilprägende Metamorphosen, die sich auch in seinen 56 Alben widerspiegeln. Einige wegweisende Aufnahmen analysiert Stefan Hentz ausführlich und allgemeinverständlich – wie das 1959 aufgenommene Kind of Blue, das meistverkaufte Album in der Geschichte des Jazz, oder Bitches of Brew von 1970, mit dem Davis eine „Neuvermessung der Möglichkeiten seiner improvisierten Musik mit Jazzwurzeln“ (S. 329) vornimmt. In dieser Phase, die Hentz von anderen Autoren eher vernachlässig sieht, wagt der Trompeter nach seiner Einschätzung die wohl kühnsten Experimente. Er setzt elektronische Instrumente ein, während polyrhythmische, tranceartige Grooves einen swingenden Beat ersetzen und die melodischen Formeln radikal verschlankt werden. Auch Besetzungen und Produktionsweisen verändern sich: Erst im Studio am Schneidetisch werden die während der Aufnahme nur wenig gesteuerten Improvisationen zu neuartigen Klanggebilden verschmolzen. Diese ästhetischen Umstürze, die für Viele einen radikalen Bruch darstellen, wertet Hentz dagegen als konsequente Weiterentwicklung, die das Alte bewusst hinter sich lassen will.
Ob Davis‘ späte, durchaus popaffinen Werke noch als Jazz bezeichnet werden können, lässt Stefan Hentz offen. Sein Zugang zu Miles Davis, der größten Ikone des modernen Jazz, ist angenehm unpathetisch – zwar bewundernd, aber auch analytisch scharf. Auch wenn man sich mit Umschreibungen wie „Dschungelbeat“ (S. 344) etwas schwertun mag, bleiben seine Analysen verständlich. Und da er für das vielzitierte „breite“ Publikum schreibt und Fachtermini vermeidet, ist das eine besondere Qualität. Hilfreich ist ein ausführlicher Anhang mit Anmerkungen, Literaturhinweisen und Auswahl-Diskographie.
Jazzfans bietet der fachkundige, umfangreiche Band mit einem faszinierenden Kapitel über die berühmte Fotoserie »A Day in the Life of Miles Davis« von Glen Craig eine große Materialfülle mit vielen Details sowie fundierten musikalischen und gesellschaftlichen Einordnungen. Und für Neugierige ist er ein Einstieg, der Lust auf Mehr macht.
Friedegard Hürter
Bonn, 28.03.2026
Schlagwörter: Miles Davis; Gil Evans (1912–1988); Charlie Parker (1920–1955); Thelonious Monk (1917–1982); Dizzy Gillespie (1917–1993)