
Walter Pfann: Die Klaviersonaten Ludwig van Beethovens. Spiegel eines Lebens. – Mainz: Schott, 2025. – 146 S.: Farb-Abb. und Fotos.
ISBN 978-3-7957-3415-2 : € 29,90 (geb.)
Beethovens Zeitgenossen, zumindest die Hellhörigen unter ihnen, erahnten schon früh die beispiellose Singularität der 32 Klaviersonaten. Hans von Bülow, der sie ab 1887 zyklisch aufführte, erhob sie zum Neuen Testament der Klaviermusik. Bis heute entziehen sie sich weitgehend dem spontanen Zugriff und einem die letzten Geheimnisse offenbarenden Verstehen.
Jede Pianistinnen- und Pianistengeneration muss sich einen eigenen Weg in und durch diesen Klavierkosmos erarbeiten, um der stetig wachsenden Deutungsfülle Neues, Eigenes entgegenzusetzen oder hinzuzufügen. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sich in dieser Hinsicht erstaunlich viel getan, allein durch den Einsatz historischer Tasteninstrumente und einer individuellen Sicht auf die Einzelwerke, denn lange Zeit wurde eher das Einheitliche des Zyklus beschworen. Nicht nur für die Hörer bedeutete der Rezeptionswandel eine nicht geringe Herausforderung, sondern auch für die Exegeten: Nach Jürgen Uhdes Formalanalysen und Joachim Kaisers Höranalysen der großen Beethovenspieler von Artur Schnabel bis Maurizio Pollini steckten etliche weitere Deutungsversuche das Feld neu ab. Walter Pfann, Pianist, der an Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt Klavier, Musikgeschichte und Werkanalyse unterrichtet (biografische Hinweise fehlen im Buch), geht einen eigenen Weg. Der Untertitel verrät es: Pfann versteht und deutet Beethovens Sonaten als „Spiegel eines Lebens“, als musikalische Notate, in denen konkrete Ereignisse Spuren hinterlassen haben.
Noch gar nicht so lange ist es her, dass die biografische Werksicht in der Musikwissenschaft als anrüchig, mindestens als zweitrangig, wenn nicht gleich als irreführend galt. Selbst über konkretisierende Satztitel wie in der Les Adieux-Sonate ging man gerne stillschweigend, fast beschämt hinweg, als würden sie den komplexen Gehalt der Musik simplifizieren. Walter Pfanns Ansatz, Biografisches als Ausgangspunkt, als Entstehungsanlass der Sonaten zu nehmen, ist zwar durchaus nicht neu, stand aber in der Beethoven-Literatur kaum je ähnlich prominent im Vordergrund wie hier. Den Autor interessiert, warum die Sonaten entstanden sind, nicht wie sie komponiert wurden, abstrakte Formanalysen oder blumige Beschreibungen in alter Konzertführermanier findet man hier vergebens.
Der Schlüsselbegriff für Pfanns Erschließung der Sonatenwelt Beethovens wurde von Anton Schindler, Beethovens Privatsekretär und erstem (höchst zweifelhaftem) Biografen, ins Spiel gebracht. Die „poetische Idee“, so die nicht mit Sicherheit verbürgte Bezeichnung, steht für eine Kategorie des musikalischen Gehalts, die mit der Musik Beethovens, Robert Schumanns und weiteren Komponisten der Romantik gedanklich verbunden ist. Pfann ist überzeugt davon, dass Beethovens reale Lebenswelt eng mit seiner künstlerischen Arbeit verknüpft war, seien es politische Ereignisse, persönliche Erlebnisse wie seine zahlreichen stets gescheiterten Beziehungen zu Frauen, seien es Krankheiten und anderes.
Was nun genau unter dieser „poetischen Idee“ zu verstehen ist, darüber sind sich die Gelehrten nicht ganz einig. Konsens herrscht zumindest in der Auffassung, dass nicht das gemeint ist, was die Musik ausdrücken soll, etwa mittels eines vorgegebenen Programms wie in Lisztscher Programmmusik (oder in Beethovens Schlachtensymphonie Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria), sondern was der Auslöser des Kompositionsprozesses gewesen sein mag. Beethovens bekannte Äußerung zu seiner Pastoralen, der 6. Symphonie, bringt es auf den Punkt: „Mehr Ausdruck der Empfindung als Mahlerej“.
Außer diesem in weitestem Sinne biografischen Ansatz führt Pfann eine Typisierung der Sonaten ein, eine Kategorisierung, die den Blick – und vor allem das Hören! – auf die pianistische Gestalt der Sonaten lenkt. Er unterscheidet zwischen Spielsonaten, dem Serioso-Typ, konzertanten Werken und Ideensonaten. Als Beispiel für letztere Kategorie nennt Pfann die bereits genannte Les Adieux-Sonate, deren äußerer Anlass, die Abreise des Freundes Erzherzog Rudolph (Beethovens „Empfindung“), mit tonmalerischen Zügen, etwa den Hornquinten zu Beginn, quasi bebildert wird (des Komponisten „Mahlerej“).
Beethovens Lebensumstände der Jahre ab 1800/1805 sind deutlich besser dokumentiert als die Jugendjahre des Komponisten. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das mittlere und späte Werk ergiebiger und eindeutiger erschlossen in puncto Hinweisen, die uns auf die Fährte einer „poetischen Idee“ zu locken vermögen. Bei Beethovens frühen Sonaten bleibt vieles im Dunkeln, weswegen die gedankliche Näherung häufig spekulativ bleibt und der Autor nicht selten den Konjunktiv verwenden muss. Die Kategorisierung insbesondere der frühen Sonaten erweist sich indes als nützlich, um ihrer dramatischen Struktur und „poetischen Idee“ auf die Spur zu kommen.
Als drittes Element dieser Arbeit hat der Autor zwischen die Einzelkapitel acht Exkurse zur Formenlehre eingeflochten. Dem mit der Materie vertrauten Kenner wird sich der Sinn dieser ebenfalls sehr konzisen Einschübe vielleicht nicht auf Anhieb erschließen, wohl aber auf den zweiten Blick, denn die Formaspekte Beethovenscher Sonaten, von der Sonatenhauptsatzform bis zur Variation, sind stets mit Blick auf einzelne, beispielhafte Sonatensätze ausgewählt und erörtert und nicht nur scholastisch typisiert.
Jeder Sonate sind zwei oder nur wenig mehr Seiten des angenehm schmalen Buches gewidmet. Die konzentrierte Knappheit der Darstellung im Verbund mit Anschaulichkeit ist ein großer Gewinn für die Lektüre. Wer sich spielend, hörend oder notenlesend den Klaviersonaten Beethovens nähert, wird dieses flüssig geschriebene Buch bald nicht mehr missen wollen.
Rüdiger Albrecht
Berlin, 22.02.2026