Moritz Stetter: Die Knef. Graphic Novel [Friedegard Hürter]

Moritz Stetter: Die Knef. Graphic Novel – Hamburg: Carlsen, 2025. – 208 S.: farb. Abb.
ISBN 978-3-551-77038-7: € 26,00 (geb.)

An Würdigungen für Hildegard Knef (1925–2002), die am 28. Dezember 2025 ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, mangelte es nicht. Über mehrere Jahrzehnte stand die selbstbewusste, emanzipierte Künstlerin immer wieder im Scheinwerferlicht und ließ die Öffentlichkeit an ihrem zerrissenen Leben zwischen Triumphen, Krisen und Abstürzen teilhaben. Die schillernde Persönlichkeit faszinierte auch den 1983 geborenen Hamburger Comickünstler Moritz Stetter. Die Knef nannte er seine mehr als 200 Seiten umfassende Graphic Novel, die ein facettenreiches, spannendes Porträt der unverwechselbaren Schauspielerin, Sängerin und Schriftstellerin zeichnet.

Stetter tauchte tief in ihr Leben ein und stützt sich neben Interviews, Filmen und Archivmaterial vor allem auf Knefs Autobiographie Der geschenkte Gaul – wohl wissend, dass deren Wahrheitsgehalt manchmal fragwürdig ist. Doch half ihm seine intensive Recherche, um den schnoddrigen Ton der Knef zu treffen und in ihrem Sprachduktus zu schreiben. Für einen Brief, in dem sie ihrer Mutter von ihren Erlebnissen in russischer Kriegsgefangenschaft schreibt, hat Stetter sogar ihre Handschrift nachempfunden.

Erstmals arbeitet der Comic-Künstler, der zuletzt Ludwig van Beethoven porträtiert hat, hier durchgängig mit Farben. In leuchtenden Farbtönen, klaren schwarzen Konturen und kräftigen Zeichenstrichen ist die Sängerin schon auf dem Cover mit Mikrofon inmitten übergroßer roter Rosen zu sehen – ein Hinweis auf ihr berühmtestes Chanson. Etwas irritierend dann der Beginn der Graphic Novel: Adam und Eva im Paradies, ein Menschenaffe und Leonardo da Vincis berühmte Darstellung der Harmonie zwischen Mensch und Kosmos. Gleich darauf der Kontrast: Gezeichnet in schrillen Pink- und Rottönen, erscheint ein brüllender Hitler, und die Massen marschieren im Gleichschritt. Blättert man weiter, sieht man die Sängerin auf einer Doppelseite, links umgeben von einer paradiesähnlichen Umgebung in hellen Tönen, rechts von Bomben und Zerstörung in gefährlich anmutendem rot-gelb. Dazu die Liedzeile „Es hat alles einen Anfang und hört alles einmal auf“ – ein fulminanter Auftakt. „Und das, was dazwischen liegt, das ist der Lebenslauf“, heißt es weiter.

Ihm, dem Lebenslauf, folgen wir in weitgehend chronologischer Reihenfolge, begleitet von der Liedzeile „Von nun an ging’s bergab“. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Graphic Novel und bildet mit weiteren Chanson-Texten gleichsam den Soundtrack.

Während sich die farbenfrohen Panels zur Kindheit der Ausnahmekünstlerin noch wie ein Fotoalbum betrachten lassen, so bricht in bedrohlichem Grau schon bald die Zeit des Nationalsozialismus an. Die junge Trickfilmzeichnerin Hildegard Knef versucht, beim Film Fuß zu fassen. Als ihr 1946 mit dem Film Die Mörder sind unter uns der Durchbruch gelingt, wird sie als moderne, unabhängige Frau zum Star des deutschen Nachkriegsfilms. Hier setzt Moritz Stetter einen abrupten Schnitt, und aus dem nebeligen Grau der Nachkriegszeit tritt die Schauspielerin in ein leuchtend gelbes Hollywood.

Doch schon bald gerät ihre Karriere ins Stocken. Ihre Ehe zerbricht, und zurück in Berlin, sorgt eine kurze Nacktszene in dem Film Die Sünderin 1950 für einen Aufschrei und Proteste der Kirchen. Außerordentlich dynamisch setzt der Illustrator den heuchlerischen gesellschaftlichen Aufruhr in Szene: Die Knef erscheint als übergroßes, grell pinkfarbenes Monster, das über den Protest der Menschen hinweg Städte zertrampelt.

Was folgt, ist ein Neuanfang. Doch auch in der Folgezeit, als sich die Künstlerin immer wieder neu erfindet, erfolgreiche Chansonsängerin und Autorin wird, bleibt ihr Leben ein ständiges Auf und Ab zwischen Ruhm und persönlichem Leid. Auf Triumphe folgen Krisen; Erfolge und Ehrungen wechseln mit schweren Krankheiten, Medikamentenabhängigkeit und finanziellen Notlagen.

Weil Moritz Stetter in seinen Texten überwiegend der Künstlerin selbst das Wort überlässt, kommen wir ihr als Leserinnen und Leser erfreulich nahe. Wir erleben ihren lakonischen Witz, ihre emanzipierte Haltung und ihren Lebensmut. In seinen Comics zeigt Stetter aber auch ihre verletzliche, ängstliche Seite. Dann zeichnet er seine Protagonistin in schrillem Pink und geradezu angstzerfressen: zum Beispiel, als sie als junge Frau um eine Rolle bangt.

Die Knef ist eine bildgewaltige Geschichte, in der Stetter sowohl mit der Auswahl und Collage des Bildmaterials als auch mit der Wucht seiner Bilder beeindruckt. Seine Panels sind sorgfältig komponiert, Farben und Format wechseln ständig und kommentieren das Geschehen auf subtile Weise. So gelingt es dem Illustrator meisterhaft, die Ausnahmekünstlerin in den verschiedensten Milieus – von den kargen Nachkriegsjahren bis zum Glamour der US-amerikanischen Filmszene – zu porträtieren und ihr Leben mit all seinen Brüchen bildlich darzustellen. Wie heißt es in einem ihrer Chansons? „Das Glück kennt nur Minuten. Der Rest ist Warteraum.“

Friedegard Hürter
Bonn, 27.01.2026