Freddy Quinn mit Daniel Böcking: Wie es wirklich war [Andreas Vollberg]

Freddy Quinn mit Daniel Böcking: Wie es wirklich war. Die Autobiografie – Höfen: Koch, 2025. – 264 S.: s/w-Abb.
ISBN 978-3-85445-790-9 : € 25,00 (kart.; auch als eBook)

Goldene Schallplatten, Kinoknüller, Fernsehshows, überhaupt eine Popularität ohnegleichen kürten Freddy Quinn (*1931) zum seinerzeit erfolgreichsten Schlagerstar Deutschlands. Umgekehrt schossen Legenden, Mythen und Widersprüche um seine Person ins Kraut. So verkörperte er für treue Fangemeinden und Oldiefreunde einen nach Weltumseglungen

an der Waterkant gestrandeten singenden Seemann, den ein Hauch von Einsamkeit und Melancholie umgab. Nicht nur zu seinen aktivsten Zeiten hat das weitaus vielseitigere Musik- und Sprachgenie gegen derartige Vereinfachungen angekämpft. Gerade jetzt, längst aus aller Öffentlichkeit verabschiedet, möchte er hochbetagt der Ehrlichkeit zu ihrem Recht verhelfen und der Kunstfigur Freddy einen wirklichen biographischen Kern zur Seite stellen. Ein Freddy 2.0 ist nicht angesagt. Doch von manch liebgewordenem Seemannsgarn heißt es Abschied zu nehmen. Dennoch: Nicht weniger spektakulär und teils bizarr zeugen auch die neuerzählten Fakten von einem unvergleichlichen Künstlerleben. Dabei hofft Quinn bescheiden, allen denen, die ihm bis heute die Treue gehalten haben, „mit diesem Lebensrückblick eine Freude“ (S. 8) machen zu können. Oft wird die Leserschaft direkt angesprochen, rhetorisch gefragt oder über das Werden des Texts auf dem Laufenden gehalten. Zeitintensiv und im wahrsten Sinne des Wortes Bände aufs Band bzw. Handy gesprochen hat Quinn zuvor. Denn die sorgfältige Verschriftlichung des riesigen Audiomaterials aber leistete der in der Chefredaktion der Bild-Zeitung auf KI spezialisierte Journalist Daniel Böcking, Jahrgang 1977 und mit Quinn seit über 20 Jahren bekannt.

Ursache seines Erfolgs sei, wie Quinn lakonisch einleitet, „harte Arbeit und nicht einfach ein Lottogewinn. (…) Ich war ein Dienstleister.“ (S. 12) Wie alles kam und wurde, spiegelt die klug gewählte Zweiteilung des Buches wider: zunächst einige Kapitel von Kindesbeinen bis zum großen Karrierestart, dann eine Folge von Schlaglichtern auf persönliche Aspekte und die verwandten, doch deutlich trennbaren künstlerischen Metiers – alles zusammengehalten und reich garniert mit sachdienlichen und überraschenden Episoden und Anekdoten. Aufgeräumt wird gleich vorneweg mit den notorischen Spekulationen um drei überlieferte Geburtsorte, von denen amtlich beglaubigt Wien den Zuschlag erhält. Neben seiner Mutter, der hochgebildeten Journalistin Edith Nidl, ist die Großmutter mütterlicherseits engste Bezugsperson. Weniger angenehm sind die Erinnerungen an den Stiefvater, den Schriftsteller und Herausgeber Baron Rudolf Anatol von Petz, dem der junge Manfred auch den ungeliebten Kombi-Namen Nidl-Petz verdankt. Lediglich eine Beziehung hatte Edith zuvor mit dem leiblichen Vater gehabt. Jene von Quinn auch selbst genährten Mutmaßungen, dieser sei ein irischer Kaufmann oder anderer Exot namens Quinn, mit dem Freddy einige Jahre im amerikanischen Morgantown verbracht habe, werden an dieser Stelle definitiv verneint. Tatsächlich führen schlagende Indizien zu einem Emil W. und dessen Tod bei einer verheerenden Familientragödie 1965. Hier wie auch im Fall einer Inhaftierung seiner Mutter, die im Sekretariat des Wiener NS-Gauleiters Joseph Bürckel beschäftigt war, gehört es zu Quinns erklärter Ehrlichkeit, belastende Themen nicht auszusparen, von letzter Gewissheit hingegen Abstand zu nehmen. Wichtiger: Früh zieht es den forschen Jungen, begabt mit einem enormen Musikgedächtnis, weg von der Schulbank zur Bühne und zum Spontanmusizieren mit allerlei Instrumenten. Dann der Krieg: Die Kinderlandverschickung führt nach Ungarn, bald auf der Flucht vor den Russen westwärts. Manfred reist mit einer Gruppe amerikanischer Soldaten, darunter ein Mr. Quinn. „Der Name gefiel mir“ (S. 52) und wurde einst sein amtlicher. Blitzschnell lernt er ihre und andere Sprachen, gelangt bis Ellis Island, wird als Nichtamerikaner wieder zurückgeschickt, bleibt eine Weile in Antwerpen und gelangt, von der Familie vermisst gemeldet, wieder nach Wien. Mit einem Freund und Musikpartner genießt er einen Sommer lang die Gemeinschaft beim Wanderzirkus Gschwandner. In den Wiener GI-Clubs spielen die beiden für und mit Amerikanern Hillbilly-Songs. Voller Freiheitsdrang treibt ihn der tragische Verlust einer Cliquen-Bekannten auf eine waghalsige Tour per Anhalter mit der Gitarre über Rom und Nordafrika (abschreckend: Probewochen in der Fremdenlegion) bis Paris, dann München, schließlich: Hamburg. Auf St. Pauli erreicht Freddy in der Washington Bar die ersehnte Zugehörigkeit zu einem sozialen Umfeld. Allabendlich singt und spielt er Internationales für Seeleute und das Rotlichtpublikum, ebenso für Gäste aus Medienbranchen und High Society. Seine wahre Seemannsbiographie beschränkt sich kurioserweise auf einen Abstecher zu prekärer Arbeit auf einer Finnlandfahrt. In der Bar aber weckt er 1953 das Interesse der 13 Jahre älteren Lilli Blessmann, die, durch Herkunft und geschiedene Ehe hochbegütert, bis zu ihrem Tod 2008 Quinns Lebenspartnerin, Mentorin, Managerin und notwendig ordnende Hand seiner Finanzbelange blieb. Auch das frühe Fernsehen wird aufmerksam, zudem die illustre Tarantella-Bar. Folgenreicher aber klopft die Polydor an und bildet den Barden mit dem sonoren Bariton, dessen künstlerisches Profil sich erst noch entwickeln musste, musikalisch und schauspielerisch aus – bis er für René Carol bei einer Singleproduktion einspringt und mit der B-Seite Heimweh erdrutschartig die deutschen Hitparaden erobert. Denn Text und Melodie rühren an die Seele des innerlich noch an Verlust und Trennung leidenden Wirtschaftswunderlands.

Hier schwenkt die Buchmitte von der Lebenschronologie zum thematischen Prinzip: Neben dem von Polydor vermarkteten Seemannsklischee (einsam, unbeweibt und – wie Quinn real – alkoholabstinent), das kompositorisch bravourös von Lotar Olias betreut wurde, gilt es auch den passionierten Country- und Hillbilly-Singer zu entdecken. Schließlich empfand er den durchgehenden Bezug der Olias-Titel zu Meer und Matrosenschicksal als unbefriedigend. Neue Wagnisse etwa mit gesellschaftspolitischen Anspielungen wie in Hundert Mann und ein Befehl im Umfeld des Vietnam-Kriegs oder Wir (gut gemeinte, doch verfehlte Handreichung an sogenannte „Gammler“) entfachten Kontroversen. Der Ansatz zum Durchbruch in USA fiel, trotz erfolgreicher Gastspiele, einem rechtlichen Scharmützel zwischen den Plattenfirmen Quinns und Bert Kaempferts zum Opfer: Dessen Spanish Eyes, eigens für Quinn geschrieben, wurde aus den Programmen gestrichen, zum epochalen Welthit dann jedoch mit Al Martino. Dass Schlagersterne auch die Kinokassen klingeln ließen, belegen abenteuerliche Fernweh-Streifen wie Freddy, die Gitarre und das Meer. Dazu Quinn rückblickend: „Ich war vielleicht nicht der beste Schauspieler der Welt. Aber schlecht war ich auch nicht.“ (S. 171). Auf der Bühne, unter gestrenger Regie seines neuen Wegbegleiters Karl Vibach, erweiterte sich die Palette von Olias‘ Musical Heimweh nach St. Pauli mit dem unverwüstlichen Junge, komm bald wieder bis zu inhaltlichem Neuland wie u.a. Richard Rodgers‘ Der König und ich oder Brandon Thomas‘ Farce Charleys Tante. Als der Nachkriegsboom von Schlager und Musikfilm durch Pop und Fernsehen verdrängt war, bewegte sich der jetzt als Entertainer etablierte Quinn ab den 1970ern „vielseitiger, freier von Klischees“ (S. 198) weiterhin tourend durch volle Säle und – tatsächlich – Zirkusmanegen, wo er mit Risikolust in Raubtierkäfigen und auf dem Hochseil verblüffte. Unter Fernsehshows und TV-Serien sticht mit It’s Country Time abermals sein wahres Faible heraus.

Als Ursache finanzieller Blauäugigkeit benennt er jenen späten Fehltritt, der 2004 durch ein vollumfänglich akzeptiertes Gerichtsurteil abgegolten wurde: „Ich bin ein verurteilter Steuerhinterzieher!“ (S. 213) Einzugsberechtigt statt des schweizerischen nämlich war der deutsche Fiskus. Trotz mancher Freundschaft (wie mit Kaempfert und dem stets präsenten Fotografen Lothar Winkler) bittet er, da kein Kumpeltyp, zwischenmenschlich um Respekt vor persönlichen Grenzen und Privatsphäre, auch um Pardon für gelegentliche Schroffheiten und Missverständnisse. Neben solch fairer Fremd- und Selbstkritik freut sich der Ruheständler über viele kleine Details im Alltagsleben, Geselligkeit und Menschen, die ihm guttun, allen voran seine 2023 geheiratete Rosi. Erst 2024 zogen beide auf einen umgebauten Bauernhof in Schleswig-Holstein. Ausklingend aber liegt es an Quinn, seinem Publikum zu applaudieren und zu danken. Und so wie für ihn persönlich die Wahrheit fast wie eine Befreiung wirkt, liefert er für jedermann eine spannende Quelle zur deutschen Unterhaltungskultur.

Andreas Vollberg
Köln, 12.01.2026