Schalten Sie ab! Neue Musik im Radio [Markus Bandur]

Schalten Sie ab! Neue Musik im Radio / Hrsg. von Harry Vogt u. Martina Seeber. – o. O.: Wolke, 2025. – 232 S.: s/w-Fotos, Bibliogr., Reg.
ISBN 978-3-955593-166-7 : € 29,00 (Pb.)

Der harmlos-launig klingende Titel Schalten Sie ab! Neue Musik im Radio deutet in keiner Weise darauf hin, dass es sich bei dem von dem langjährigen Redakteur für Neue Musik im WDR, Harry Vogt, und der SWR-Redakteurin Martina Seeber herausgegebenen Band um eine bündige, aber profunde Darstellung aller anfallenden Arbeitsvorgänge und mitwirkenden Einrichtungen im Zusammenhang mit Neuer Musik im Rundfunk handelt (von den beiden Herausgebern erschien 2023 bereits im selben Verlag und in vergleichbarem Kontext der Band Radio Cologne Sound. Das Studio für Elektronische Musik des WDR, siehe Besprechung).

Von der Beauftragung von Kompositionen über die redaktionelle Betreuung über die Produktion und die Umsetzung durch rundfunkeigene Ensembles bis hin zur Archivierung werden sämtliche relevanten Arbeitsschritte aus der Perspektive der Praxis vorgestellt: So schreibt Harry Vogt über die Produktionsprozesse und die Abläufe in der Neue Musik-Redaktion sowie Susanne Ockelmann über die Funktion und Bedeutung von Kompositionsaufträgen des Rundfunks; Hans-Peter Jahn wendet sich den Rundfunk-Orchestern zu, Sylvia Sistermans behandelt die Architektur und Funktion der Rundfunksäle, Dorothea Bossert widmet sich den Rundfunkchören und Friedemann Dupelius den rundfunkeigenen Schallarchiven. Hinzukommen aufschlussreiche Reflexionen über den Kulturauftrag des Rundfunks (Dorothea Enderle) und den – zumeist vernachlässigten – ökonomischen Aspekt von Neuer Musik (Torsten Müller). Da der Schwerpunkt herausgeberbedingt auf dem WDR liegt und aus historischen Gründen sicherlich auch liegen muß, referieren Rainer Peters und Martina Seeber zudem über die entsprechend große Bedeutung dieses Senders für die Produktion und Verbreitung von zeitgenössischer Musik in dessen Sendegebiet.

Detailliert beleuchtet Michael Struck-Schloen eingangs die Geschichte des Verhältnisses von Rundfunk und Neuer Musik, die mit einer anfänglich starken Wechselwirkung und Parallelität des seit 1923 in Deutschland sendenden Mediums mit der musikalischen (und akustischen) Moderne beginnt, mit der macht- und kulturpolitischen Instrumentalisierung des Rundfunks im Dritten Reich abrupt unterbrochen wird und erst 1945 durch die Rundfunkanstalten wiederaufgenommen wird. Zwar weist Struck-Schloen dabei auch zurecht auf die Mitwirkung der Alliierten in den Westzonen und West-Berlin hin, deren Rundfunkmodell sich weitgehend an der britischen BBC orientierte (in der sowjetischen Besatzungszone und Ost-Berlin wurde der Rundfunk nach 1945 hingegen umgehend wieder zum Staatsrundfunk umfunktioniert). Doch da die Beantwortung dieser Frage Konsequenzen für die Historiographie der Neuen Musik in Deutschland hat, muss nachdrücklich dem so prominent in der Einleitung zitierten Otto Tomek und seiner Einschätzung widersprochen werden, dass es für die offenkundig am Interesse der deutschen Nachkriegshörer ,vorbeisendenden‘ Neue Musik-Redaktionen keine förmlichen Beschlüsse hinsichtlich der Berücksichtigung zeitgenössischer Musik gegeben habe und diese Sendepolitik lediglich auf „einzelne aktive [Rundfunk-]Mitarbeiter“ zurückzuführen sei (S. 10). Es sei hier nur auf die Ausführungen von Amy C. Beal verwiesen (New Music, New Allies. American Experimental Music in West Germany From the Zero Hour to Reunification, Berkeley und Los Angeles 2006), die deutlich machen, dass vor Gründung der ARD 1950 das Office of Military Government for Germany (U.S.) (OMGUS) die Ausstrahlung erzieherischer und damit auch über die aktuelle Musik informierender Programme insbesondere im Rahmen des politischen Reeducation-Prozesses maßgeblich beförderte: „OMGUS eagerly supported such programs [sc. über moderne Musik schon seit dem November 1945] on Radio Stuttgart and other stations to educate German listeners about the cultural and intellectual value of modern music though the U.S. government itself rarely supported similar programs at home. Such contradictions in domestic and foreign cultural policy suggests that cultural products were manufactured and disbursed as mere tools of reeducation and, later, in the Cold War effort to maintain maximum cultural control in western Europe“ (S. 27).

Ergänzt wird der Band durch eingestreute Zitate aus Zuschriften prominenter Komponisten und durch zahlreiche „Produktionen im Porträt“, d. h. ein- bis zweiseitige Darstellungen von Werken, an deren Entstehung und/oder Produktion der Rundfunk maßgeblich beteiligt war, oder direkter gesagt: die ohne die Unterstützung durch dieses Medium wahrscheinlich nicht existieren würden. Eine hilfreiche Zusammenstellung von Radio-Festivals und -Konzertreihen mit Neuer Musik rundet den Band ab.

Den Charakter eines Abgesangs gewinnt der Band angesichts der Situation, dass im 21. Jahrhundert schon alleine durch das Verschwinden entsprechender Sendeplätze die Sozialisation als Hörer Neuer Musik nicht mehr mithilfe der linearen Sendungen des Rundfunks stattfinden kann und somit überraschende wie unerwartete Kontakte zwischen Zuhörer und Musik ausbleiben müssen. Neue Medien und andere Hörsituationen werden zwar vielleicht ebenfalls zu derart prägenden Erfahrungen führen, wie sie die Redaktionen für Neue Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ermöglichten. Allerdings wird es eine vergleichbare Konstellation von kompetenten Persönlichkeiten, finanzstarken Organisationen, institutionalisierten Klangkörpern mit den entsprechenden Aufführungsorten und -möglichkeiten sowie dem politischem Willen zu einem ernst genommenen – auch elitären – Bildungsauftrag vermutlich nicht mehr (lange) geben: Das sich wandelnde Hörverhalten, sogenannte Sparzwänge und die dem Öffentlich-rechtlichen Rundfunk angesichts eines popularisierten Kulturverständnisses drohende Abrissbirne machen wenig Hoffnung auf eine Weiterführung der Auseinandersetzung mit Neuer Musik im Rundfunk. Es ist eine Stärke der Publikation, dass dieser Aspekt nicht ausgeblendet wird, sondern insbesondere im Epilog überdeutlich angesprochen wird. Es wird sich zeigen, ob die leise Hoffnung der beiden Herausgeber gerechtfertigt ist, dass es angesichts der „Resilienzen“ des Mediums so schlimm schon nicht kommen werde (S. 214), oder ob es sich dabei nur um ein Pfeifen im Walde handelt.

Markus Bandur
Berlin, 23.12.2025