
Rüdiger Albrecht: Friedrich Gulda. Pianist − Musiker − Freigeist. − München: edition text + kritik, 2026. − 242 S.: s/w-Abb (SOLO. Porträts und Profile)
ISBN 978-3-96707-836-7 : € 26,00 (kt.; auch als eBook)
Dem österreichischen Pianisten Friedrich Gulda (1930−2000) in einem kompakten Porträt gerecht zu werden ist schon eine Herausforderung, gehört er doch zu den schillerndsten Persönlichkeiten seines Metiers. Auf der einen Seite steht Guldas außerordentliche Fähigkeit als klassischer Pianist, der mit seinen Interpretationen der Klavierwerke Beethovens, Bachs und Mozarts Maßstäbe gesetzt hat. Auf der anderen Seite steht sein Schaffen als exzentrischer Komponist und Performancekünstler, als Jazzpianist und Verfechter seiner „Freien Musik“. Dazu kommen all die Provokationen und Skandale, mit denen der berühmte Pianist von sich reden gemacht hat.
Doch dem Berliner Musikwissenschaftler Rüdiger Albrecht ist es auf hervorragende Weise gelungen, das Phänomen Friedrich Gulda einzufangen und in all seinen Facetten angemessen und noch dazu gut lesbar darzustellen. Albrechts Buch ist bestens geeignet, um Friedrich Gulda überhaupt kennenzulernen und sich ein eigenes Urteil über den außergewöhnlichen Musiker zu bilden. Selbst für Gulda-Kenner wird es nicht nur eine wissensmäßige Bereicherung sein, sondern bestenfalls für eine Neujustierung ihres Bildes vom Pianisten sorgen. Dies ist dem dokumentarischen Charakter des Buches und dem durchgehend sachlichen Tonfall des Verfassers zu verdanken. Albrecht bleibt selbst dann sachlich-distanziert, wenn die beschriebenen Aktionen oder Ansichten des Künstlers doch arg krud, skurril, provokant oder gar komisch sind.
Bei der Lektüre des so kenntnisreichen wie streng strukturierten Buches stellt sich unweigerlich die Frage nach Albrechts Schreibwerkstatt. Diese muss man sich wohl als ein mit zeitgeschichtlichen Dokumenten und Tonträgern prall gefülltes Archiv vorstellen, das sich durch Vollständigkeit und akribische Ordnung auszeichnet. Basis für Albrechts Text sind stets die Dokumente, seien es Tagebucheinträge, Konzertprogramme und -kritiken, Einspielungen auf Schallplatte oder CD, Interviews etc. Anhand dieser Quellen fädelt Albrecht Friedrich Guldas Geschichte minutiös an einem chronologischen Faden auf, der die Grundstruktur des Buches bildet. Den Zeitstrahl verschränkt Albrecht mit einer Mikrostruktur, die sich an Sachthemen ausrichtet. Das Ergebnis ist ein dichtes Gewebe aus Vor- und Rückverweisen, durch das die inhaltlich zusammenhängenden Schwerpunkte in Guldas künstlerischer Entwicklung hervortreten. Trotz der dokumentarisch verdichteten Darstellung verliert man beim Lesen nie den Überblick − und möchte noch dazu stets wissen, wie es weitergeht.
Neben dem strukturellen Kunstgriff, die chronologische Darstellung mit inhaltlichen Schwerpunkten zu verbinden, hat Albrechts Gulda-Porträt eine weitere Stärke: die historische Verortung Guldas durch Querverweise auf Musikströmungen seiner Zeit oder die früherer Zeiten. Wie etwa dessen kategorische Ablehnung der Neuen Musik − hier stellt Albrecht Guldas eigene Kompositionen vergleichend auf den Prüfstein. Oder Guldas Haltung zum Jazz − hier zeigt Albrecht das Nachvollziehbare und die Widersprüche auf. Es ist das große Verdienst Albrechts, dass er dabei nie wertet, sondern stets nüchtern, mit auf den Dokumenten basierendem Blick darstellt. Dies tritt besonders an den heftig umstrittenen Momenten in Guldas Schaffen hervor, die ihm regelrechte Feindschaften eingebracht hatten, also seiner sogenannten „Freien Musik“ oder seiner Einlassungen mit „Dance Music“. Genauso wenig bewertet Albrecht Guldas vom Publikum bisweilen frenetisch gefeierte Konzerte mit klassischem Klavier-Repertoire, die er ja lebenslang parallel zu seinen experimentellen Arbeiten betrieben hat. Einzig wenn es darum geht, Guldas herausragende Fähigkeiten als Pianist zu beschreiben − an diesen Stellen schimmert denn auch bei Rüdiger Albrecht große Bewunderung für den Protagonisten seines Buches hervor.
Insgesamt muss man Albrecht zugute halten, Guldas zahlreiche Skandale nicht ein weiteres Mal ausgeschlachtet zu haben. Die populärsten Anekdoten sind selbstverständlich im Text enthalten, sie gehören einfach dazu − und tragen nicht selten zum Unterhaltungswert des Buches bei. Aber man hat an keiner Stelle den Eindruck einer verzerrten, nach Effekten haschenden Darstellung. Vielmehr kristallisiert sich beim Lesen allmählich heraus, wie sehr Friedrich Gulda mit seinem künstlerischen Standpunkt gerungen haben muss, wie ernst er es mit seinen experimentellen Exkursionen in die unterschiedlichsten Musikrichtungen gemeint hat und wie seine Lebensumstände, Liebesgeschichten und nicht zuletzt sein Naturell sein künstlerisches Schaffen mitgeprägt haben. Insofern ist Albrechts Porträt Friedrich Guldas vielleicht auch der Versuch, den die Öffentlichkeit spaltenden Musiker zu verstehen und ihm ein gebührendes Denkmal zu setzen. Aber in erster Linie ist das Buch vor allem eines: ein klar aufgebauter und gut erzählter Wissensspeicher zum bleibenden Ereignis Friedrich Gulda. Und damit eine solide Basis für weitere Einzelstudien.
Rita Kass
Berlin, 12.08.2026








